Warme Platte

Noch bis zum 31. März hat der Katholische Verein für Soziale Dienste (SKM) in Osnabrück eine leerstehende Villa in Innenstadtnähe zur „warmen Platte“ umfunktioniert. Das bedeutet von abends 17 Uhr bis morgens 9 Uhr können Obdachlose im Wohnhaus übernachten. Das Haus gehört den Evangelischen Stiftungen, die es im Frühjahr abreißen werden, um einen Neubau mit Studentenwohnungen zu errichten.

Ortstermin mit Johannes Andrews, dem Geschäftsführer der Evangelischen Stiftungen Osnabrück: Es ist kurz vor 9 Uhr morgens, sonnig, aber noch recht kalt. Zwei Männer verlassen gerade das Haus, grüßen freundlich und verabschieden sich von Frank Loges. Er betreut bereits zum zweiten Mal für den SKM als „Hausmeister“, wie er sich selbst nennt, die warme Platte vor Ort. Abends wird er das Haus wieder für die acht bis zehn Obdachlose öffnen, die der SKM derzeit im dort aufnimmt.

Drinnen erinnern begehbare Kleiderschränke, ein muschelförmiges Waschbecken, mehrere Bäder und ein großes Einbauregal im Wohnzimmer an die ehemaligen Bewohner und ihren für vergangene Zeiten eleganten und gehobenen Einrichtungsstil. Neu hinzugekommen sind unter anderem einfache Holzbetten, viele Bettdecken, improvisierte Vorhänge als Raumteiler und ein altes, weißes Kunstledersofa. Die Wand über dem ehemaligen Kamin haben die aktuellen Bewohner mit verschiedenen Wandkalendern, einem Müllabfuhrplan und einem gehäkelten Topflappen mit Rosenmuster verschönert. Neben den Schlafplätzen stehen Schuhe ordentlich nebeneinander gereiht. Das Gepäck ist sorgfältig verstaut.

„Das Haus ist picobello sauber, aber es spiegelt auch ein wenig Wehmut wieder“, stellte Andrews nach einem Rundgang fest. Ihn hatte sehr berührt, wie die Nutzer der „warmen Platte“ die Wohnzimmerwand dekoriert hatten: „So wie ihre eigene“, bemerkte Andrews, der sich zugleich über den „guten Geist“ im Haus während der Zwischennutzung freute. Zuvor hatte Andrews mit Loges sowie den zuständigen SKM-Fachdienstleitern Thomas Kater und Heinz Hermann Flint gesprochen. Andrews Fazit: „Die machen super Arbeit, es macht Spaß ihnen zuzuhören, ich bin total beeindruckt.“

Beim Besuch von Johannes Andrews (rechts), dem Geschäftsführer der Evangelischen Stiftungen, im Haus der Stiftungen, das derzeit vom Katholische Verein für Soziale Dienste (SKM) genutzt wird, stellten SKM-Fachdienstleiter Thomas Kater , „Hausmeister“ Frank Loges und SKM-Fachdienstleiter Heinz Hermann Flint (von links) fest: „Das hier ist wirklich eine Luxus-Platte.“

Auch die Männer vom SKM waren mit der diesjährigen „warmen Platte“ mehr wie zufrieden: Die leerstehende Villa sei ein Glücksgriff, da sie nahe der vom SKM betriebenen Tageswohnung und der Fachberatungsstelle für wohnungslose Menschen liege. Somit seien Wege beispielsweise für Beratungen kurz und die Logistik einfach. Dabei sah es im Herbst nicht so aus, als ob es überhaupt eine „warme Platte“ geben könnte. Deshalb startete Kater damals einen Aufruf über die Medien. „Wir haben das gelesen, und die Kolleginnen haben sofort geschaut, ob wir ein passendes Gebäude bereit stellen können“, berichtete Andrews, der kurz darauf dem SKM ein leer stehendes Haus anbieten konnte.

Die „warme Platte“ bietet den Obdachlosen nicht nur einen Schlafplatz. „Unser eigentliches Ziel ist es, auch Kontakte zu den Leuten zu knüpfen“, so Flint, für den es zunächst immer darauf ankommt, zuzuhören und Verständnis für die Menschen zu haben. „Die haben alle ihre Päckchen zu tragen“, erklärte Flint. Für neue Gäste der „warmen Platte“ gilt dennoch: Die erste Nacht ist eine Bewährungsprobe. Läuft die gut, können weitere folgen.

Die Abende im Haus der „warmen Platte“ gleichen denen in den meisten anderen Wohnungen und Häusern: „Wir bieten zwar keine Verpflegung an, aber viele bringen ein Butterbrot mit oder machen sich einen Eintopf warm“, so Loges, der hinzu fügte: „Und als es so kalt war und draußen schneite, haben sich alle gefreut, dass sie hier drinnen nach dem Duschen in Jogginghose und Puschen sitzen konnten.“ Flint ergänzte: „Am schönsten waren die leuchtenden Augen der Leute, wenn sie abends im Warmen gemeinsam vor der Glotze sitzen konnten – wie eine große Familie.“

„Seit Weihnachten haben hier 15 unterschiedliche Männer geschlafen, und wir hatten 550 Übernachtungen“, berichtete Flint, der sich freute: „Zwei der Männer sind inzwischen in einer Übergangswohnung von uns eingezogen.“ Die Unterbringung dort ist für sie möglicherweise ein erster Schritt raus aus der Obdachlosigkeit. Doch der wird immer schwieriger: „Der normale Wohnungsmarkt ist für unsere Leute komplett tot“, stellte Kater fest, der zudem wusste: Derzeit seien in Osnabrück 175 Personen ohne festen Wohnsitz. Davon seien rund 30 als obdachlos im eigentlichen Sinne zu bezeichnen, das heißt, sie leben auf der Straße und schlafen beispielsweise in Garten- oder Abbruchhäusern.